Podiumsdiskussion „Trauriger Alltag Gewalt“

„Trauriger Alltag Gewalt“ – Wie ein Abend in Regensburg zeigte, dass Schweigen keine Option mehr ist

Es gibt Abende, die nicht einfach vorbeigehen.
Abende, die bleiben.
Abende, die etwas in Bewegung setzen – im Denken, im Fühlen, im Handeln.

Die Podiumsdiskussion „Trauriger Alltag Gewalt“, die am 22. Mai 2026 in der Schierstadt in Regensburg stattfand, war genauso ein Abend.
Ein Abend, der nicht nur über Gewalt sprach, sondern sichtbar machte, wie tief sie in unserer Gesellschaft verwurzelt ist – und wie dringend wir neue Wege brauchen, um ihr zu begegnen.

Ein Raum, der Mut verlangt – und Mut schenkt

Schon beim Betreten des Saals war spürbar: Hier geht es nicht um eine gewöhnliche Veranstaltung.
Hier geht es um ein Thema, das viele lieber meiden würden.
Um ein Thema, das schmerzt.
Um ein Thema, das unbequem ist.

Und doch war der Raum voll.
Trotz Dultwetter. Trotz Alltag. Trotz Ausreden.

Elisabeth Geschka, Vorsitzende und Mitbegründerin von Lebenswerte Gesellschaft e. V., eröffnete mit Worten, die den Ton des Abends setzten:

„Ihre Anwesenheit ist ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Hinschauen wichtiger ist als Wegsehen, dass Schweigen keine Lösung ist und dass Gewalt niemals Privatsache sein darf.“

Es war ein Moment, der den Raum still machte.
Nicht aus Unsicherheit – sondern aus Zustimmung.

Warum dieser Abend notwendig war

Gewalt an Frauen ist kein Randphänomen.
Sie ist kein Problem einzelner Milieus.
Sie ist kein „Ausreißer“.

Sie ist Alltag.

  • in Beziehungen
  • in Familien
  • in Wohnungen
  • in Treppenhäusern
  • in Chatverläufen
  • in Köpfen

Und sie ist – wie Geschka betonte – „mitten in unserer Gesellschaft“.

Die Zahlen sind erschütternd:
80 % der Tatverdächtigen im Bereich häuslicher Gewalt sind Männer.
Eine Zahl, die nicht nur statistisch ist, sondern gesellschaftlich.
Eine Zahl, die Fragen stellt – und Antworten verlangt.

Das Podium: Männer, die Verantwortung übernehmen

Für diesen Abend wurden bewusst Männer eingeladen.
Nicht, um Schuld zu verteilen.
Sondern um Verantwortung sichtbar zu machen.

Auf dem Podium saßen:

  • Dr. Thomas Burger, Oberbürgermeister der Stadt Regensburg
  • Ralf Wargitsch, Psychologe, Fachstelle Täterarbeit häusliche Gewalt Oberpfalz Süd
  • Hermann Gammer, Außenstellenleiter des Weißen Rings Regensburg/Cham
  • Moderation: Theologin Silvia Groß
  • Poetry Slam: Marie Töpfer

Diese Zusammensetzung war ein Statement:
Gewalt an Frauen ist kein „Frauenthema“.
Es ist ein gesellschaftliches Thema.
Und Männer müssen Teil der Lösung sein.

Die Moderation: Silvia Groß – eine Stimme, die Räume öffnet

Ein Abend wie dieser braucht eine Moderation, die mehr kann als Fragen stellen. Er braucht eine Person, die zuhört, die verbindet, die Spannungen aushält und gleichzeitig Orientierung gibt. Diese Rolle übernahm Theologin Silvia Groß – und sie tat es mit einer Mischung aus Klarheit, Empathie und intellektueller Schärfe, die den gesamten Abend prägte.

Schon in ihren ersten Worten machte sie deutlich, warum ihr dieses Thema persönlich wichtig ist:

„Kirchen hatten in der Geschichte immer auch ihren Anteil an Gewalt – und an Gewalt gegen Frauen.“

Mit dieser Offenheit setzte sie einen Ton, der sich durch die gesamte Diskussion zog: Keine Ausflüchte. Keine Verharmlosung. Keine Tabus.

Silvia Groß führte durch den Abend, ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Sie stellte präzise Fragen, die nicht nur Informationen freilegten, sondern Denkprozesse auslösten. Sie schuf einen Raum, in dem Männer Verantwortung übernehmen konnten, ohne in Abwehr zu gehen. Und sie gab den Betroffenen eine Stimme, ohne sie zu exponieren.

Ihre Moderation war nicht nur professionell – sie war menschlich, mutig und zutiefst respektvoll. Ein leiser, aber kraftvoller Gegenpol zu einem lauten gesellschaftlichen Problem.

Die Ursachen: Warum Gewalt entsteht

„Es löst Betroffenheit aus“ – Wenn Männer über Männer sprechen

Dr. Burger sprach offen darüber, wie es sich anfühlt, als Mann mit der Tatsache konfrontiert zu sein, dass Männer die überwiegende Mehrheit der Täter stellen:

„Wenn man selbst zu einer Gruppe gehört, die überproportional als Täter auftaucht, löst das Betroffenheit aus.“

Doch er blieb nicht bei Betroffenheit stehen.
Er sprach über Verantwortung – und darüber, wie subtil Gewalt beginnt:

  • in abwertenden Witzen
  • in Rollenbildern
  • in vermeintlichen „Kleinigkeiten“
  • in gesellschaftlichen Erwartungen an Männlichkeit

Er erzählte von einem Erlebnis mit seinen Töchtern, das ihm zeigte, wie unterschiedlich Männer und Frauen Gefahr wahrnehmen.
Ein Moment, der im Publikum sichtbar Resonanz auslöste.

Warum Täter sich als Opfer sehen – Ein Blick in die Täterarbeit

Psychologe Ralf Wargitsch arbeitet mit Männern, die Gewalt ausgeübt haben.
Er weiß, wie Täter denken.
Er weiß, wie sie sich selbst sehen.
Und er weiß, wie schwer es ist, Verantwortung zu übernehmen.

Er erklärte:

„In dem Moment, in dem sie sagen: Sie hat mich wütend gemacht, beginnt der Weg zur Eigenverantwortung.“

  • Viele Männer erleben Kontrollverlust als Kränkung
  • Viele haben nie gelernt, Gefühle zu benennen
  • Viele haben nie gelernt, Empathie zu entwickeln

Wargitsch verwies auf Forschungsergebnisse:
Männer, die Gewalt ausüben, haben oft schwache Mentalisierungskompetenzen – sie können nicht wahrnehmen, was in ihnen selbst passiert, geschweige denn im Gegenüber.

Das ist kein individuelles Versagen.
Es ist ein gesellschaftliches.

Die Rolle der Sozialisation: Wo Gewalt beginnt

Der Abend machte deutlich:
Gewalt beginnt nicht erst mit dem Schlag.
Sie beginnt viel früher.

  • in der Kindheit
  • in der Schule
  • in der Familie
  • in Medien
  • in Männlichkeitsbildern
  • in unausgesprochenen Erwartungen

Dr. Burger sagte:

„Wir lernen, wie der Körper funktioniert. Aber nicht, wie der Kopf funktioniert.“

Ein Satz, der im Publikum zustimmendes Nicken auslöste.

Die Strukturen: Wo Hilfe fehlt und wo sie entsteht

„Das meiste findet im Stillen statt“ – Die Perspektive des Weißen Rings

Hermann Gammer, ehemaliger Polizeibeamter und seit 16 Jahren ehrenamtlich beim Weißen Ring, brachte eine Perspektive ein, die selten gehört wird:
Die Sicht der Opfer.

Er sagte:

„Der Täter bekommt maximal 15 Jahre. Das Opfer hat lebenslänglich.“

Er sprach über:

  • Frauen, die sich nicht trauen, Anzeige zu erstatten
  • Kinder, die Gewalt miterleben
  • das riesige Dunkelfeld
  • die Angst vor sozialen Konsequenzen
  • die Notwendigkeit vertraulicher Spurensicherung

Seine Worte machten klar:
Gewalt endet nicht mit der Tat.
Sie beginnt dort erst.

Warum Prävention scheitert – und wie sie gelingen könnte

Ein erschütterndes Beispiel brachte Wargitsch aus der Frühpädagogik:

Eine Kindergartenleitung antwortete auf die Anfrage eines Workshops:
„Mit dem Thema haben wir nichts zu tun.“

Ein Satz, der zeigt, wie tief das Problem sitzt.
Denn die Realität ist:
95 % der Betroffenen bleiben zunächst allein.

Sie brauchen Ansprechpersonen – überall.
Auch im Kindergarten.
Auch in der Schule.
Auch im Sportverein.
Auch im Alltag.

Politische Verantwortung: Was Städte leisten können – und was nicht

Dr. Burger sprach offen über die Grenzen kommunaler Möglichkeiten – und über die Verantwortung, die trotzdem besteht:

  • Schutzräume schaffen
  • Präventionsprojekte fördern
  • Gleichstellungsarbeit stärken
  • gesellschaftliche Haltung zeigen
  • Gesetzesänderungen einfordern

Er betonte:

„Privat hört bei Gewalt auf.“

Ein Satz, der hängen blieb.

Die Gesellschaft: Warum Männer schweigen und warum sie sprechen müssen

Die schweigende Mehrheit – ein gefährlicher Faktor

Warum schreiten Männer nicht ein?
Warum widersprechen sie nicht?
Warum melden Nachbarn keine verdächtigen Geräusche?

Die Antworten sind komplex:

  • Angst, sich einzumischen
  • Unsicherheit
  • fehlende Vorbilder
  • Normalisierung von Gewalt
  • falsches Verständnis von Loyalität unter Männern

Wargitsch sagte:

„Es braucht Mut, nicht auf sexistische Verbrüderungsangebote einzusteigen.“

Ein Satz, der zeigt:
Zivilcourage beginnt im Kleinen.

Macht, Privilegien und die Angst vor Veränderung

Wargitsch brachte einen soziologischen Aspekt ein:

„Wenn man in der Machtposition ist, fühlt sich das erste Mal gut an. Warum sollte man das aufgeben?“

Ein ehrlicher, unbequemer Satz.
Ein Satz, der zeigt, warum gesellschaftlicher Druck notwendig ist.
Denn Macht gibt niemand freiwillig ab.

Die Emotion: Wenn Worte treffen

Poetry Slam von Marie Töpfer – Kunst als Spiegel

Marie Töpfer brachte mit ihren poetischen Texten eine emotionale Tiefe in den Abend, die Fakten allein nicht erreichen können.
Ihre Worte machten spürbar, was Gewalt bedeutet – körperlich, seelisch, existenziell.

Der Raum war still.
Nicht aus Schock.
Sondern aus Erkenntnis.

Der Ausblick: Was jetzt passieren muss

Ein Abend, der nicht endet – sondern beginnt

Die Podiumsdiskussion war kein Abschluss.
Sie war ein Auftakt.

Ein Auftakt für:

  • mehr Bewusstsein
  • mehr Prävention
  • mehr politische Verantwortung
  • mehr Schutzräume
  • mehr Männer, die Haltung zeigen
  • mehr Frauen, die gehört werden

Und ein Auftakt für weitere Veranstaltungen wie jene von @schoen.stark.echt, bei der Frauen mit schweren Schicksalen am 6. Juni im Jahnstadion Regensburg auf dem Laufsteg stehen – nicht als Opfer, sondern als Überlebende.

Pritika Muck – Gründerin von @schoen.stark.echt und Stimme für gelebte Stärke

Ein besonderer Moment des Abends war die Erwähnung von Pritika Muck, Gründerin der Initiative @schoen.stark.echt. Sie war als Gast im Publikum – und doch war ihre Präsenz mehr als das. Sie war ein Symbol dafür, wie Empowerment aussehen kann, wenn Frauen nicht nur überleben, sondern aufblühen.

Pritika Muck steht für eine Form von Stärke, die nicht laut sein muss, um wirksam zu sein. Sie begleitet Frauen dabei, ihren Platz einzunehmen – sichtbar, präsent, souverän. Ihr Ansatz verbindet Mode, Körperarbeit, Selbstbewusstsein und Inszenierung zu einem Weg, der Frauen nicht verändert, sondern befreit.

Ihr kommendes Event: 

Mode. Musik. Echte Präsenz auf dem Laufsteg
6. Juni 2026

Einlass ab 16:30 Uhr
Jahnstadion Regensburg
@schoen.stark.echt

ist mehr als eine Fashionshow. Es ist eine Bühne für Frauen, die gelernt haben, dass Schönheit nichts mit Perfektion zu tun hat, sondern mit Haltung, Erfahrung und innerer Kraft.

Dass sie an diesem Abend anwesend war, war kein Zufall. Es war ein Zeichen dafür, dass Prävention, Aufklärung und Empowerment zusammengehören. Dass Gewalt nicht nur verhindert, sondern auch überwunden werden kann. Und dass Frauen, die Gewalt erlebt haben, nicht am Rand stehen – sondern im Licht.

Fazit: Gewalt ist kein privates Problem. Sie ist ein gesellschaftliches Versagen.

Doch dieser Abend hat gezeigt:

Wir können es besser machen.
Wir können Strukturen verändern.
Wir können Verantwortung übernehmen.
Wir können laut sein – für die, die lange schweigen mussten.

Und wir können gemeinsam dafür sorgen, dass der „traurige Alltag Gewalt“ eines Tages kein Alltag mehr ist.

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